Reisebericht von Toronto an die Westküste Kanadas mit dem Zug
Kurzfristig haben Lea und ich beschlossen, über Weihnachten drei Wochen eine Zugfahrt an die Westküste Kanadas zu unternehmen.

Ich bin am 12.12.08 mit Markus, einem Diamond-Mitarbeiter, von London nach Toronto gefahren und habe, nach ein paar Bieren mit Markus, um 2Uhr Nachts noch ins HI-Hostel Downtown eingecheckt. Markus ist ein 30jähriger Schweizer, der auf einer Weltreise seine peruanische Freundin kennengelernt hat. Da sie einen Job im Bankenwesen Torontos annehmen konnte hat Markus sich entschieden in London für Diamond zu arbeiten.
Während Lea von Europa nach Amerika gereist ist, habe ich am Samstag mehr als zwei Stunden im Coast Mountain Sports Toronto verbracht. Amanda, eine 21jährige Angestelle hat mir mit ihrer Reiseerfahrung große Hilfe geleistet. Beim Verlassen des Geschäftes war ich um Schlafsäcke(Nothface und Sierra Design ), Thermoskihosen von Hally Hansen, Polarhandschuhen der Marke Marmot und windundurchläßigen Gesichtsmasken reicher und um 600$ ärmer. Ich konnte nicht glauben, dass man umgerechnet für 350€ solch eine Ausrüstung bekommt, in Deutschland müßte man diese Summe locker pro Person ausgeben. Es hat definitiv Spaß gemacht da durch das Geschäft zu laufen, sich Sachen bringen zu lassen und einen so großen Einkauf zu tätigen, es war eine gute „Einstimmung“ auf das bevorstehende Abenteuer.
Die Eingekauften Sachen im Hostelschließfach verstaut, habe ich Lea am Mittag vom Flughafen abgeholt. In Toronto sind wir nicht lange geblieben, um genau zu sein: 4 Stunden.
In denen habe ich Lea in die kulinarischen Gewohnheiten eingeführt , wir haben Fastfood gegessen, Lebensmittel gekauft, die Sachen aus dem Hostel geholt und sind zum Bahnhof gelaufen. Der Zug fuhr um 22Uhr Richtung Westen.
Eine 3800 km lange Strecke stand uns bis Jasper, einem kleinen Ort in den Rocky Mountains, bevor. Selbstverständlich ohne Dusche und ohne Betten.
Die kanadischen Züge bieten jedoch sehr viel mehr Platz als Deutsche,sind aber lange nicht so modern. Was auf jeden Fall grundsätzlichvon der deutschen Bahn unterscheidetet, ist der Service. Zur Einschlafunterstützung haben wir Kissen, Decken, Ohrstöpsel und Schlafmasken bekommen und natürlich wurden wir die ganze Zeit freundlichbehandelt, aber das liegt wahrscheinlich auch am Naturell der Kanadier.
Während ein deutscher Zug allerdings vor allem fährt, steht ein Kanadischer eher und fährt gelegentlich auch gerne mal wieder ein Stück zurück.
Wir haben gerätselt, warum wir ständig stehen geblieben sind (Raucherpausen?) und die Lösung kam uns erst Tage später.
Es gibt oft nur ein Gleis und dh. ab und an muss einen Güterzug vorbeilassen werden. Oftmals fährt man dann also quasi in eine Gleis-Sackgasse, in der man dann stehen bleibt und den kilometerlangen Güterzug passieren lässt, setzt dann rückwärts und setzt die eigentliche Strecke fort.
Solche Beobachtungen und andere haben wir im 25°C warmen Waggon getätigt, wenn wir nicht gerade gelesen, gegessen, oder durch den Zug gelaufen sind. Es gab einen Speise-, Sightseeing- und Aufenthaltswaggon und der Weg dorthin war durch verschneite Verbindungsstücke zwischen den Waggons immer wieder interessant.
Was wir übrigens in den ersten zwei Zugtagen gesehen haben, war einfach nur Schnee. Schnee auf Bäumen, Schnee auf Wiesen, Schnee auf Häusern, Schnee auf Autos, Schnee auf Seen, Schnee auf Schienen, Schnee auf Mensch und Tier. Die Abwechslung hielt sich demnach mit weiß bedeckt, aber noch sind wir nur durch flaches Land gefahren. Berge gab es erst nach der dritten Nacht.
Es gab natürlich auch Orte auf der Strecke, die nennenswert sind, aber diese lassen sich an einer Hand abzählen: Winnipeg und Edmonton.
In Winnipeg sind wir kurz ausgestiegen und haben zum ersten Mal erlebt, wie es ist, wenn einem die Nasenlöcher mit dem ersten Windstoß von draußen zufrieren und wie sich -28° C + -13°C Windchill anfühlen.
Ich konnte dort außerdem noch das wundervolle Gefühl gewaschener Haare genießen, während Lea ihren Kapuzenpullover zu schätzen gelernt hat.
Zu diesem Zeitpunkt waren wir uns noch nicht sicher, welche Route(von Jasper zurück und nach Churchill an die Hudson Bay, oder weiter durch die Rockys nach Prince Rupert) wir nun einschlagen sollen, aber bei einem gemütlichen Mittagessen mit einem älteren, schwarzen Ehepaar, fiel die Entscheidung. Wir haben uns gegen Churchill und für Prince Rupert entschieden und damit gegen Eisbären und für weitere Fahrten durch die Rocky Mountains, denen wir uns zu dieser Zeit auch schon gewaltig genähert hatten.
Eine Gegebenheit, die vielleicht die Kanadier beschreiben kann, waren die ab Winnipeg zugefrorenen Toiletten. Dem Zug zu urteilen muss dieser mehr als 20 Jahre alt sein, auch die Route im Winter wird schon länger angeboten. Somit frieren die Klos mit der Regelmäßigkeit der Winter jedes Jahr vom neuen zu. Kurzes Brainstorming meinerseits hat zwei leicht umzusetzende Lösungsmöglichkeiten ergeben: Entweder man versetzt das Toilettenspülwasser mit Frostschutzmittel, oder wärmt die Abwasserrohre.
Aber da dann die nur noch einzige vorhandene Toilette im Minutentakt mit warmen Flüssigkeiten der ca. 150 Personen an Bord durchströmt wird ist zumindest das Überleben der letzten Toilette gesichert und das Problem gelöst.
Am Dienstag, den 16.12.08, im beschaulichen Jasper angekommen, haben wir schon mit unserem ersten B&B-Telefonanruf einen Volltreffer gelandet und sind bei einem italienischen Auswandererpaar für die nächsten fünf Nächte untergekommen. Der Weg dorthin durch die Kälte war – sagen wir mal – interessant, aber als wir nach einer ordentlichen Dusche wieder losgegangen sind, haben wir uns wärmer angezogen und man es wirklich gut aushalten. Lange Unterwäsche war Pflicht und die Gesichtsmaske war einfach nur pures Überleben.
In den nächsten Tagen hatten wir ein volles Programm. Am ersten Tag mussten wir uns erst einmal eine Übersicht über die Unternehmungsmöglichkeiten in der Umgebung verschaffen und auch die weitere Route planen, aber schon am zweiten Tag standen wir mit unseren neuen Skihosen und geliehenen Skiern auf der Piste im Marmot-Basim.
Als absolute Anfängerin, war rückblickend für Lea, die schwierigste Hürde das Reinkommen in ihre Skischuhe. So verzweifelt war sie danach nicht mal nach ihrem schlimmsten Sturz, bei dem ich auf Grund diverser Anzeichen(Zensiert von Lea) dachte, Lea hat sich was gebrochen oder liegt gar im Sterben.
Man kann sagen, dass es gut lief. Lea scheint ein Naturtalent zu sein, wobei die Motivation etwas zu wünschen übrig ließ. Ich brauchte erst einmal wieder ein bisschen Übung und habe Lea ein paar Tricks gezeigt. Nach einer Stunde Idiotenhügel haben wir uns an den Schlepplift getraut. Und danach auf den Sessellift hinauf auf 3200Meter.
Das alles bei schönstem Wetter! Der Himmel war strahlend blau, der Schnee echt, die -20°C übrigens auch und es war gar nicht viel los im Skigebiet.
Natürlich gibt es viel zu wenig Fotos von diesem Tag, weil wir beide unsere Handschuhe nicht ausziehen wollten. Als es dann in den nächsten Tagen auch nicht wärmer wurde, haben wir gelernt mit dicken Handschuhen zu fotografieren, aber an diesem Tag haben wir uns damit noch schwer getan.
Mal ganz abgesehen von unseren gefrorenen Wimpern und vereisten Gesichtsmasken gibt es nur wenige Fotos, aber die haben es dafür in sich.
Die nächsten beiden Tage waren für uns dann nicht mehr so kalt, da wir die meiste Zeit in unseren Mietwagen saßen und uns so den Nationalpark angesehen haben.
Der erste Mietwagen war ein roter Smart mit dem wir 100 km zu den Columbia Icefields gefahren sind. Uns wurde gesagt, dass man diese gesehen haben muss – allerdings waren sie eigentlich so unspektakulär(vielleicht wegen Spitsbergen?), dass wir fast dran vorbei gefahren wären.
Der nächste Tag, Samstag 20.12.08, begann mit dem üblichen Start.
7Uhr 30 wecken mit nachfolgendem Badegang von Lea. Ich habe derweilen die Freiheit im Bett genossen. Nach einem Müslifrühstück und der Information, dass es Draußen -42°C ist, hat Lea die Nachbarschaft mit der Panikfunktion unseres Smarts’s geweckt. Leider war dies die letzte große Tat des Kleinen. Wir konnten ihn nicht überzeugen bei diesen Temperaturen seinen Motor in Betrieb zu nehmen. Zum Glück ist Jasper ein sehr überschaulicher Ort und der Weg zum Bahnhof, in dem unser Autovermieter untergebracht war, dauert keine 10 Minuten.
Ein kurz angebundener Mechaniker, in seinem 20 Jahre alten Riesen-Pickup hatte wohl noch nie einen Smart, oder ähnlich kleines Fahrzeug zu Gesicht bekommen. Kurze Suche nach der Batterie, im Kofferaum, im vorderen Bereich, unter den Sitzen, ließen ihn zu dem Entschluss kommen, dass der „Wagen“ nicht durch seine Hilfe wiederbelebt werden kann.
Wie viele Kanadier war er äußerst freundlich, auf den zweiten Blick, brachte uns zurück zum Bahnhof und wir bekamen einen neuen Mietwagen. Der Chrysler war mehr als ein hervorragender Ersatz. Voller Freude machten wir uns gen Osten, Richtung Hinton auf den Weg. Unsere Fahrt wurde mehrmals durch äußerst entspannte Bighorn Sheeps unterbrochen. Diese hatten keine Probleme mit geschmeidigen Sprüngen von Felsen zu Felsen und Felsen zu Straße. Am Rand eines fast zugefrorenen Flusses lief ein schwarzer Wolf seinen Weg und wir konnten nur über die unglaubliche Natur staunen. Steile Berge, riesige Täler, Wälder mit Flüßen durchzogen und alles mit Schnee bedeckt. Ich zähle mal ein paar besuchte Orte auf:
- Lac Beauvert
- Edith Lakes
- Medicene Lake
- Maligne Lake
- Miete hot Springs
Das war dann auch schon unser zweiter und letzter Tag mit einem Mietwagen, den wir zwar eigentlich noch bis zum nächsten Morgen gehabt hätten, aber um den Problem des Motorstartens aus dem Weg zu gehen, haben wir den Wagen noch abends beim Autovermieter abgestellt. Der Smart stand übrigens auch noch vor unserem B&B-Haus, als wir am nächsten Tag mit den großen Rucksäcken zum Bahnhof gelaufen sind, um nach Vancouver zu fahren.